Oliven mit Aussicht

Lehrpfad
Eine Wanderung am Luganersee lohnt sich immer. Erst recht, wenn sie nicht nur mit Panoramen, sondern auch mit Wissenswertem aufwartet. So wie der Olivenpfad nach Gandria.

Abstand halten. Das Credo, das uns Menschen dieses Jahr allüberall begleitet, gilt für Olivenbäume seit jeher. Auch hier im Tessin, der Sonnenstube der Schweiz, wo Palmen, Feigen und Kastanien gedeihen, wo auch mal ein Kaktus stachelig über eine Mauer am Wegrand schaut. Hier wachsen auch Olivenbäume, mit respektvollem Abstand zueinander.

«Das liegt an den Wurzeln», sagt Claudio Premoli. Der grau melierte Brillenträger steht in Hemd und Jeans mitten in einer kleinen Olivenplantage und erklärt in ausgezeichnetem Deutsch mit italienischem Akzent: «Sie reichen nicht weit in die Tiefe, dafür wachsen sie in die Breite. Ungefähr so weit, wie die Baumkrone oberirdisch reicht, dehnen sich die Wurzeln im Boden aus.» Abstand lohnt sich also.

Premoli ist der Chef der «Associazione amici dell’olivo», des Vereins der Olivenfreunde im Tessin. Präsident und Sekretär in Personalunion. Seit sich der ehemalige Banker letztes Jahr hat frühpensionieren lassen, setzt er sich mit voller Kraft für die Olivenbäume und ihre Besitzer ein, organisiert Praxiskurse für Einsteiger, Öldegustationen für Feinschmecker und Ausflüge ins olivenreichere Italien. Und er führt alle Interessierten durch das Schaufenster der Tessiner Olivenwelt, den «Sentiero dell’olivo», den Olivenpfad.

Eine Fliege ist das grösste Problem
So auch an diesem spätsommerlichen Septembernachmittag. Fast entschuldigend zeigt Premoli auf die durch bald 20 Jahre Sonnenschein fast zur Unleserlichkeit verbleichte Informationstafel, die Lehrreiches über Oliven vermittelt. Fast 20 dieser Infoposten sind auf dem Olivenpfad zu finden, der von Castagnola am Stadtrand Luganos bis ins malerische Gandria gut drei Kilometer weiterführt – alles dem Ufer des Luganersees entlang. Die meisten dieser Infotafeln sind übrigens in einem besseren Zustand als die eingangs beschriebene, weil sie der Sonne abgewandt stehen. Sie berichten über Pflegearbeiten im Olivenhain, über die Olivenernte, aber auch über Schädlinge.

«Wir wissen von mindestens 5200 Olivenbäumen im Kanton. Und ich denke, es gibt bestimmt noch 2000 mehr.»
Claudio Premoli
Präsident Associazione amici dell’olivo

Claudo Premoli steht neben einem anderen Olivenbaum, von dem eine Insektenfalle baumelt. «Die Olivenfliege ist bei uns das grösste Problem.» Anders als in Italien, wo das Xylella-Bakterium der Olivenfeind Nummer eins ist, hat man es hier mit einem nicht ganz so tödlichen, aber dennoch mühsamen Schädling zu tun. Und das Problem könnte bald noch grösser werden, läuft doch dieser Tage gerade die Zulassung des bislang wirksamsten Mittels gegen die Olivenfliege ab. «Wir sind zusammen mit dem Kanton und verschiedenen Anbietern am Alternativen testen. Aber für die grossen Firmen lohnt es sich nicht, eine Lösung für die paar Tausend Bäume im Tessin zu finden.»

Premoli hat eine befallene Olive gefunden. Noch klein und grün ist sie und ein winziges Loch verrät, dass die Fliegenlarve, die in der Frucht geschlüpft war, sich entwickelt hat und schon wieder ausgeflogen ist. «Wenn die neue Fliege ein Männchen ist, war’s das», sagt der Experte. «Aber ist es ein Weibchen, legt es seine Eier bald in die nächste Olive.» Die befallenen Früchte, sofern sie denn gefunden werden, lassen sich nicht mehr als Speiseoliven verwenden. «Und beim Öl leidet die Qualität darunter. Aber wenn wir alles aussortieren, bleibt uns kaum mehr etwas übrig.»

Praktisch sämtliche Oliven im Tessin werden zu Öl verarbeitet. Die Olivenfreunde betreiben eine eigene Mühle, die jeder Hobby-Plantagenbesitzer mit seinen Früchten beliefern und selber sein eigenes Olivenöl herstellen darf. «Das ist auch ein guter Trick, um die Mitgliederzahlen in unserem Verein zu erhöhen», sagt Premoli und grinst schelmisch: «Nichtmitglieder bezahlen mehr, um die Mühle zu brauchen als Mitglieder.»

Zählung der Olivenbäume
Inzwischen ist die Endstation des Olivenpfades erreicht. Oberhalb des kleinen Friedhofs von Gandria stehen noch ein paar Dutzend Bäume, die letzten der rund 250, denen Spaziergänger auf dem Pfad begegnen. Auch sie halten alle Abstandsregeln ein, sodass sie zwischen ihren Baumkronen nicht nur den Blick auf das Kursschiff auf dem See, sondern auch auf den malerischen Kirchturm des Dörfchens freigeben – und ganz hinten am Horizont auf den ikonischen San Salvatore, den Hausberg Luganos.

Derweil erläutert Präsident Premoli die Aussichten seines Vereins der Olivenfreunde. Nächstes Jahr wird er nämlich 20 – und dann soll es neue Infotafeln geben. Ausserdem läuft aktuell die erste grosse Zählung der Tessiner Olivenbäume. Für sie hat Premoli die Werbetrommel in Radioshows und Zeitungen gerührt, alle Gemeinden des Kantons um Mithilfe gebeten, um herauszufinden, wie viele der Bäume insgesamt im Tessin stehen.

«Dieses Jahr fielen alle Anlässe aus, also haben wir uns gefragt, was wir stattdessen machen können. Wir hatten ja Zeit.» Nun warten die Daten von rund 700 Olivenbaum-Besitzern in einer Tabelle auf Premolis Auswertung. Viel mehr als erwartet. «Wir wissen jetzt von mindestens 5200 Bäumen im Kanton. Und ich denke, es gibt bestimmt noch 2000 mehr.»

Verheerende Erntemaschine

In einigen andalusischen Gebieten hat sich ein sogenannter Vollernter wie im obigen Video zu sehen durchgesetzt, welcher durch neu angelegte Niederstammpflanzungen fährt und die Oliven mit einem grossen Sauger einsaugt. Geerntet wird meist bei Nacht, da die Aromastoffe der Oliven bei kühleren Temperaturen besser erhalten bleiben. Das hat verheerende Folgen für Millionen von Zug- und Singvögeln, welche nachts in den Bäumen ruhen und von den Maschinen getötet werden. Allein in Spanien werden jährlich schätzungsweise 2,6 Millionen Vögel eingesaugt. Eine aktuell hängige Petition verlangt ein Nacht­ernteverbot (yv).

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Porträts. Weil er dort mehr mit Menschen als mit Tieren zu tun hat, kompensiert er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

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