Nessie strahlt Geschwüre weg

Tierspital
Für Haustiere, die an Krebs erkranken, stehen dieselben Behandlungsmethoden zur Verfügung wie für Menschen. Eine der wichtigsten ist die Strahlentherapie. Ein Besuch im Tierspital Zürich.

Kahlen hätte allen Grund zum Winseln. Die schwarze Labradorhündin hat einen Tumor an ihrem Hinterteil und deswegen schon eine Operation und 15 Bestrahlungen hinter sich. Heute steht sie erneut auf einem Schragen im Tierspital Zürich – und braucht zuerst einmal einen neuen Katheter. Doch Kahlen ist eine tapfere Hündin. Ohne mit der Wimper zu zucken, lässt sie sich von Assistenzarzt Maximilian Körner am Vorderbein rasieren und eine Kanüle in die Vene setzen.

Krebserkrankungen bei Haustieren sind längst keine Seltenheit mehr. Das liegt vor allem daran, dass Hunde und Katzen dank besserer Pflege und Ernährung heute deutlich älter werden als noch vor einigen Jahrzehnten. Dadurch steigt das Risiko, dass sich Körperzellen unkontrolliert zu vermehren beginnen. Kahlen ist deshalb eines von vielen Tieren, die in der Abteilung für Radio-Onkologie des Zürcher Tierspitals behandelt werden. «Zur Strahlentherapie kommen jeden Morgen sieben bis acht Patienten», sagt Oberärztin Valeria Meier. «Die meisten sind Hunde, manche Katzen und selten auch Kaninchen.»

Der Knubbel wurde immer grösser
Trotzdem ist Kahlen kein typischer Fall. Die Hündin ist nämlich noch nicht einmal vier Jahre alt. Ihre Besitzerin, Edith Klagges aus Allensbach am deutschen Ufer des Bodensees, wollte mit ihr eigentlich eine Labradorzucht aufbauen. Doch bei einem Spaziergang im vergangenen Oktober entdeckte sie an Kahlens Hintern eine Wucherung. «Erst dachte ich mir nicht viel dabei», erzählt sie, «aber dann wurde der Knubbel grösser.»

Die Diagnose ergab eine relativ seltene Form eines Sarkoms. Kahlen kam ins Tierspital, wo ihr Chirurgen den Tumor herausschnitten. Doch das reichte nicht. «Im umliegenden Gewebe blieben einige Tumorzellen übrig», sagt Valeria Meier, «diese wollen wir mit der Strahlentherapie abtöten.»

Es ist eine aufwendige Prozedur. Schon die Vorbereitungen vor der ersten Bestrahlung sind komplex: Mittels bildgebender Verfahren berechnen Radio-Onkologen und Medizinphysiker, wie sie den Tumor am wirkungsvollsten und sichersten bestrahlen. Zudem müssen die Patienten zum Probeliegen kommen. Dabei wird ein Liegekissen angefertigt, das dem Körper genau angepasst ist – und oft auch ein Gummiabdruck des Oberkiefers. Beides stellt sicher, dass das Tier bei jeder Behandlung exakt in derselben Position unter dem Bestrahlungsgerät liegt. 

Denn mit einer Bestrahlung ist es nicht getan. «Um einen Tumor mit einer Sitzung abzutöten, müsste man die Dosis der Röntgenstrahlen so hoch ansetzen, dass auch umliegendes Gewebe abgetötet würde», sagt Meier. Eine tiefere Dosis pro Mal führt dazu, dass sich das Normalgewebe zwischendurch erholen kann, nicht aber die Tumorzellen. Dafür muss die Bestrahlung mehrfach wiederholt werden.

Auch in dieser Hinsicht ist Kahlen ein untypischer Fall. Während heutzutage die meisten Tumoren mit zehn Sitzungen behandelt werden können, benötigt ihrer mehr, sodass Edith Klagges sie 18 Mal ins Tierspital bringen muss. Das hat seinen Preis: Mehrere Tausend Franken kostet die Krebsbehandlung. Trotzdem war für Klagges immer klar, dass sie diese Auslagen für ihre Hündin auf sich nimmt. «Wäre sie 13-jährig, hätten wir vielleicht nur Schmerztherapie gemacht», sagt sie. «Aber sie ist ja noch so jung und fit.»

Millionenteure Strahlenkanone
Heute ist Kahlens drittletzter Behandlungstermin. Durch den Katheter verabreicht Maximilian Körner ihr ein Schlafmittel, das sie nach wenigen Momenten einnicken lässt. Gemeinsam mit einer Assistentin hebt er die Hündin auf einen Rollwagen, bringt sie in den Therapieraum, legt sie auf das Lagerkissen und schliesst sie an das Beatmungs- und Überwachungsgerät an. 

Eine Röntgenassistentin prüft, ob die Lage stimmt. Dann wird Kahlen unter die «Strahlenkanone» geschoben, einen millionenteuren veterinärmedizinischen Linearbeschleuniger. Es sei einer der modernsten Europas, sagt Valeria Meier. «Wir nennen ihn Nessie, weil er ein bisschen so aussieht wie das Ungeheuer im Loch Ness mit seinem langen Hals.» 

Von einem Nebenraum aus nimmt das Team nun die Feineinstellungen vor. Nur wenn Kahlens Position auf den Millimeter genau stimmt, werden sich die verschiedenen Röntgenstrahlen am richtigen Ort treffen und dort das Krebsgewebe abtöten, während das Normalgewebe optimal geschont wird. Die Bestrahlung selbst dauert kaum mehr als ein paar Minuten. Dann wird Kahlen geholt und auf eine Decke unter eine Wärmelampe gelegt. Hier darf sie langsam und in Ruhe aufwachen.

Auf dem Schragen der Tierärzte steht derweil schon der nächste Patient. Es ist ein Golden Retriever mit einer grossen Beule auf der Nase. Zu gross, um sie wegzuschneiden, ohne die ganze Schnauze in Mitleidenschaft zu ziehen. In solchen Fällen sehen die Tieronkologen von chirurgischen Eingriffen meist ab und setzen auf die Strahlentherapie. «Typische Krebsarten bei uns sind auch Hirntumoren oder solche in der Nasen- oder Maulhöhle», sagt Valeria Meier.

Nebenwirkungen nehmen ab

Laut ihr hat die Strahlentechnik in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Die Geräte sind genauer geworden, die Behandlungsprotokolle so gut auf das Tier abgestimmt, dass im Schnitt ein Drittel weniger Bestrahlungssitzungen nötig sind als früher. «Durch die genaueren Techniken wurden auch Nebenwirkungen seltener», sagt Meier.

Das sei wichtig, denn in der Tiermedizin würden weniger Nebenwirkungen in Kauf genommen als in der Humanmedizin. Zum einen, weil man Tieren nicht erklären könne, weshalb sie leiden. Zum anderen sei gerade bei älteren Tieren nicht immer die vollständige Genesung das oberste Ziel einer Behandlung. Oft reicht es, ihnen für die Zeit, die ihnen noch bleibt, eine gute Lebensqualität zurückzugeben.

Bei Kahlen allerdings geht Meier davon aus, dass sie nach ihrer letzten Strahlenbehandlung geheilt sein wird. Deshalb nimmt sie auch hin, dass die Hündin ein paar Nebenwirkungen hat. «Sie ist etwas müder als sonst, hat eine leichte Hautrötung und Hautentzündung und eventuell eine Reizung des Darms. Das geht nach zwei bis drei Wochen wieder weg und während dieser Zeit wird Kahlen mit Medikamenten unterstützt.»

Viel anzumerken ist der Patientin jedenfalls nicht: Kahlen ist inzwischen aufgewacht und hat nur Augen für eines: Gierig schleckt sie die Hundepaste aus dem Becher, den ihr der Assistenzarzt hingestellt hat.

Autor

Simon Koechlin

Simon Koechlin

Simon Koechlin ist Chefredaktor der «Tierwelt». Als Biologe freut er sich über jedes Tier, das er zu sehen bekommt – egal ob flauschig, flaumig oder schleimig. Um einen Schmetterling oder eine Schwebfliege zu fotografieren, rennt er auch mal in Schlarpen durch seinen Garten.

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