Hoch zu Kuh

Porträt
Traben, Galoppieren, Hürdensprünge: Julia Willi und ihre Kuh Circe sind der Höhepunkt vieler Grossanlässe. Auch bei privaten Ausritten ist ihnen die Aufmerksamkeit gewiss.

Mit einem metallischen Klicken öffnet sich die schwere Gittertür zum Innenhof des Reitstalls Isliker am Stadtrand von Winterthur ZH. Mehrfach hallt es von den Wänden wider. Das Geräusch ist noch nicht verklungen, schon schaut Circe durch die Stalltür und setzt zum Trab an. Es folgt eine stürmische Begrüssung. «Hoppla, nicht so wild!», ruft Julia Willi, während die Kuh den Kopf an ihr reibt und sie übermütig zur Seite drängt. «Das macht sie immer, wenn sie mich sieht und gestreichelt werden will. Es sieht aber wilder aus, als es ist», beruhigt die 18-Jährige mit vergnügter Stimme. 

Rundgang durch den Stall mit Julia Willi und Kuh Circe

Nicht immer verliefen die Begegnungen zwischen den beiden jedoch so harmonisch. Daran erinnert sich Willi, nachdem Circe stillsteht und sich am Hals kraulen lässt. Bis vor ein paar Jahren habe sie nicht parieren wollen. «Sie war manchmal nicht ganz einverstanden mit dem Tempo, das ich bei unseren vielen Auftritten anschlug», erzählt Willi. 

Wie bei «Wetten, dass..?»
Die Folgen bekam sie schmerzhaft zu spüren. «Eine Kuh hat viel Kraft, und vor allem spitze Hörner», sagt sie und erinnert sich daran, wie sie nach so manchem Training mit Circe mit blauen Flecken oder einem verstauchten Fuss nach Hause kam. Irgendwann habe die Mutter nicht mehr nachgefragt. Selbst die fünf Gehirnerschütterungen – Circe warf die junge Reiterin immer mal wieder ab – taten der Freundschaft keinen Abbruch. 

«Warum ich damals weitergemacht habe, weiss ich nicht», sagt Willi, während sie die 14-jährige Circe in den Stall treibt. Dort sind ihre anderen beiden Kühe, die dreieinhalbjährige Bohne und die gleichaltrige Zwiebel, am Wiederkäuen. Irgendetwas in ihr habe ihr gesagt, sie müsse durchbeissen. Die Hartnäckigkeit machte sich bezahlt. Circe begann sie zu akzeptieren. Die beiden wurden dicke Freundinnen. «Mittlerweile ist sie sogar das wichtigste Wesen in meinem Leben. Immerhin begleitet sie mich seit meinem zwölften Lebensjahr», sagt Willi.

Damals nahm ihre ehemalige Hortleiterin sie zum Schulabschluss in den Reitstall mit, als Überraschung. Sie hatte gemerkt, wie wichtig ihrer Schülerin Tiere waren. Regelmässig hatte sie ihr von den Kunststücken erzählt, die sie ihrer Katze zu Hause mit unendlicher Geduld beibrachte. Auf dem Hof war Circe untergebracht. 

Willi erinnert sich an die erste Begegnung: «Die Pächterin erzählte mir, dass man auf ihr reiten kann. So wie einst auf Sibylle. Mit dieser Kuh wurde Stallbesitzer Bruno Isliker 2004 in der Fernsehshow «Wetten, dass..?» berühmt. Sibylle hatte auch auf dem Hof gelebt.» Diese Tradition wollte das Stallteam weiterführen. Nur hatte niemand Zeit, Circe zu trainieren. Ob sie es versuchen wolle, fragte die Pächterin das Mädchen, das der Kuh damals knapp bis zur Schulter reichte. 

Die Schülerin liess sich nicht zweimal bitten. «Natürlich wollte ich! Ich war ja schon immer furchtlos und etwas verrückt», sagt Willi, während sie den Schwalben nachblickt, die im Stall ihre Kreise drehen. Irgendwann habe sie sich einfach auf den Rücken Circes gesetzt und sei losgeritten, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. 

Von da an verbrachten die beiden viel Zeit miteinander: Vier- bis fünfmal in der Woche trainierte die Stadtzürcherin mit ihr, anfangs noch unter kundiger Anleitung der Pächterin. Vom Elternhaus erfuhr sie Unterstützung. «Vor allem meine Mutter merkte, wie wichtig mir die Arbeit mit den Tieren ist. Sie liess mich ziehen. Dafür musste ich aber früh selbstständig werden», erinnert sie sich. 

Das Normalste der Welt 
Die Familie hatte kein Auto, und so pendelte das Mädchen jeden zweiten Tag mit Bahn und Bus alleine zwischen Zürich und Winterthur. Ein beachtliches Pensum, das die junge Zürcherin auch während ihrer Ausbildung zur Pferdewartin beibehielt, die sie letztes Jahr als Jahrgangsbeste abschloss. Der Ehrgeiz wurde belohnt. «Eine Kuh lernt Kunststücke zwar nicht so schnell wie ein Pferd und sie ist nicht ganz so ausdauernd. Aber sie lernt», sagt Willi. 

In der benachbarten Reithalle zeigt sie kurz darauf, woran die beiden jahrelang gearbeitet haben. Circe beherrscht Schritt, Trab, Galopp sowie den Sprung über allerlei Hindernisse. Souverän und mit einer beneidenswerten Leichtigkeit führt die Reiterin durch das Programm. So kennt man die beiden aus den Medien und von Grossveranstaltungen wie beispielsweise dem CSI Zürich im Hallenstadion. 

Doch auch wenn der Teenager zwischendurch mit Circe in Winterthur ausreitet, zücken die Spaziergänger ihre Smartphones, um das ungewöhnliche Gespann zu porträtieren. «In diesen Momenten wird mir dann erst richtig bewusst, dass es etwas Besonderes ist, wenn jemand auf einer Kuh reitet. Für mich war das von Anfang an das Normalste der Welt», erzählt Willi während
einer Reitpause. 

Mit einer weiteren Rolle hat sie sich abgefunden: Ihre Freunde würden ihr psychologisches Geschick bewundern. Durch ihre Arbeit mit Tieren sei sie eben gewohnt, rein auf das Verhalten zu achten. «Immer wieder fragen mich Kollegen verdutzt, woher ich etwas wisse. Sie hätten es mir doch gar nicht erzählt. Ich antworte dann jeweils, doch, das hast du, im Versteckten», sagt sie auf dem Weg zurück in den Stall. 

Circe ist erschöpft. «Kein Wunder, sie ist ja schon alt», erklärt Willi und gerät ins Sinnieren. Die Zukunft der jungen Reiterin ist offen. Wenn Circe irgendwann nicht mehr da ist, hat sie die beiden anderen Kühe, die sie ebenfalls trainiert. Wie viel Zeit sie künftig auf dem Hof verbringen kann, weiss sie allerdings nicht. Zurzeit absolviert sie eine Kaufmännische Lehre. Ein solides berufliches Standbein ist ihr wichtig. 

Töffausflüge und Afrika-Träume
Später will sie vielleicht eine Ausbildung als Hundeführerin bei der Polizei anhängen. Vielleicht ergibt sich aber auch die Chance, die Pferde-Reitstunden für Anfänger und Fortgeschrittene auf dem Hof auszubauen, die sie wöchentlich gibt. Und dann sind da noch die vielen Hobbys, die sie ebenfalls nicht missen möchte. Regelmässig zieht es sie mit ihrem Vater zum Wandern in die Berge. Hochalpin, alles andere sei langweilig, präzisiert sie. Hinzu kommen drei Abende pro Woche im Fitnesszentrum und am Wochenende stehen oft Ausflüge mit dem Töff an. Vor kurzem hat sie sich eine 675er-Maschine gekauft. 

«In meinem Alter hat man Träume», sagt Willi. Nach Afrika möchte sie reisen, der Tiere und der Natur wegen, am liebsten für ein halbes Jahr. Die Weite Islands zieht sie ebenfalls magisch an. Der perfekte Ort, um über all das nachzudenken, sei der Reitstall in Winterthur, ihre zweites Zuhause. Ihre Freunde habe sie noch nie hierhin mitgenommen. Zu persönlich sei ihr das, erzählt sie, während die schwere Gittertür zum Innenhof ins Schloss fällt. Für heute ist Feierabend. Morgen wird Willi wieder bei ihren Kühen sein. 

 

Wer Circe einmal live erleben möchte, kann dies derzeit im Circus Knie tun. Die Reitkuh zeigt ihr Können regelmässig in der Manege – zwar ohne ihre Trainerin Julia Willi, dafür mit Komikerin Nadeschkin auf dem Rücken.

Julia Willi und Kuh Circe auf dem Parcours

Autor

Leo Niessner

Leo Niessner

Leo Niessner ist «Tierwelt»-Online-Redaktor, Social-Media-Manager und News-Feed-Leser. Er berichtet gerne über Flora und Fauna oder über Menschen, die sich um Flora und Fauna verdient machen, und schöpft in den Bergen Energie. Er mag Tiere. Und Musik. Am liebsten solche, in der Tiere vorkommen – zu hören in den Spotify-Listen zu jeder «Tierwelt»-Ausgabe, die er mit der Redaktion Woche für Woche zusammenstellt. Und ja, er spielt auch selber Musik. Sein grösster Traum: eine eigene «Arche Leo», in der alle Tiere dieser Welt Platz haben. Mit einem VIP-Sektor für bedrohte Arten.  

Kommentare (1)