Grundrechte für Primaten?

Gorilla mit Baby

In einer räumlich und sozial gesicherten Lebenssituation verlässt kein Flachland-Gorilla freiwillig sein Revier.

Torben Weber

Sponsored Content wissenschaftliche Zoos der Schweiz
Immer wieder wird von Tierrechtsaktivisten gefordert, den Tieren Grundrechte einzugestehen. Im Fokus steht dabei das Recht auf Unversehrtheit, das Recht auf Freiheit und das Recht auf Leben. So selbstverständlich diese grundlegenden Rechte für die Menschen sind, so komplex sind die Fragen, die sich im Falle einer Übertragung auf die Tierwelt ergeben.

Im Umgang und in der Verantwortung der Menschen gegenüber dem Tier steht die Tierschutzgesetzgebung und mit ihr die in der Tierschutzverordnung festgelegten Vorgaben und Richtwerte für eine artgemässe Haltung von Tieren. «Grundrechte» im Sinne einer «uneingeschränkten physischen Unversehrtheit», einer ersten Forderung der Tierrechtsbewegung, sind somit bereits vom Gesetzgeber abgedeckt und können auf Verordnungsstufe jederzeit aufgrund von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst werden. Ob und wann dies geschieht ist eine politische Frage, meist dabei auch von wirtschaftlichen Interessen befördert oder blockiert.  

Körperliche und seelische Gesundheit hängen bei allen sozialen Tieren vom Sozialleben und dem sozialen Status ab. In Rangkämpfen kann die körperliche Verletzung des Artgenossen ein Mittel zum Sieg sein. Ein Recht auf uneingeschränkte physische Unversehrtheit würde bedeuten, wichtige soziale Verhaltensweisen der Tiere in menschlicher Obhut zu unterbinden. Eine Konfliktvermeidung wird in Zoos im Sinne des Tierwohls betrieben. Es stellt sich jedoch die Frage, wie die radikalen, in diesem Fall sogar tierfeindlichen Grundrechte durchgesetzt werden sollen. Ein Grundrecht gilt für jedes einzelne Lebewesen. Macht sich ein Gorilla strafbar, wenn es im Zoo zu einer Tötung von Gorillajungen durch einen Silberrücken kommt? Ein im Freiland häufig beobachtetes Verhalten. 

Reisefreiheit für Menschenaffen?
Eine zweite Forderung ist diejenige nach einem Recht auf Freiheit. Hier gibt es ein grundsätzliches Problem: Haben Tiere überhaupt einen Begriff von Freiheit und wenn ja, wie sieht die Definition im Vergleich zum Menschen aus? Hätten Tiere ein Bedürfnis nach Reisefreiheit, müssten sie zumindest eine abstrakte Vorstellung von einer Welt ausserhalb ihres erlebbaren Lebensraumes haben und das angeborene oder erlernte Bedürfnis, diese ihnen unbekannten Räume zu besuchen. Gorillas und Schimpansen sind keine migrierenden Tierarten, deren Familienreviere sind ähnlich genau eingrenzbar wie die Parzelle eines Schrebergartens. Zwar etwas grösser und ohne Gartenzaun, aber die «Parzelle» dient dem gleichen Zweck, nämlich der Ernährung und dem Überleben, und ist begrenzt durch einen Nachbarn mit ähnlichen Verhaltensweisen und Zielen. Aus welchen Gründen verlässt ein Gorilla nun seinen Lebensraum? Angst ist ein Faktor, gerade junge Gorillamänner («Schwarzrücken») müssen das Revier verlassen, weil sie sonst im Streit allenfalls getötet oder schwer verwundet werden. Grosser Hunger ist der zweite Punkt: Der angestammte Lebensraum ist durch menschliche Aktivitäten zerstört oder klimatische Extremsituationen führen dazu, dass im bestehenden «Schrebergarten» zu wenig Nahrung vorhanden ist. Ein Grundrecht auf Freiheit ist kein Bedürfnis der Menschenaffen, sondern im Gegenteil, es bedeutet Leid. In einer räumlich und sozial gesicherten Lebenssituation verlässt kein Menschenaffe sein Revier. 

Keine Pferde am Sechseläuten
Wie schaut es aus mit dem Grundrecht, keinen Menschen grundlos einzusperren? Nach den Visionen sollte diese «Freiheitsberaubung» auch bei Tieren abgeschafft werden. Hier stellen sich ein paar grundsätzliche Gedanken für die Menschheit. Diese Forderung würde bedeuten, dass keine Hunde mehr Dienste für Blinde leisten dürften, das in Altersheimen keine Therapiekatzen mehr gehalten werden, keine Kühe auf Weiden sind, keine Pferde am Sechseläuten, keine Fische mehr im Aquarium, keine Koalas mit verbrannten Pfoten in der Auffangstation gepflegt und keine bedrohten Tiere im Tierpark gezüchtet werden. Keine Milch, keine Eier, kein Fleisch, kein Leder, keine Wolle, keine Freude am Tier. Wollen wir das? Sollen Tierarten aussterben und ausgerottet werden, nur weil ein Grundrecht gegen Freiheitsberaubung eingeführt wird? Würde man Tiere einfach aussetzen, so wie es manche Menschen fordern, führte dies nicht nur zu einem qualvollen Dasein dieser Tiere in «Freiheit», sondern auch zu einem unlösbaren Konflikt zwischen dem Grundrecht auf Freiheit und dem Grundrecht auf Unversehrtheit, dem Recht auf Leben und letztlich dem Recht auf Achtung der Würde.

Das Recht auf Leben ist ein philosophisches Thema. Wir Menschen sind «Allesfresser» und haben hier somit schon eine Antwort gegeben: Der Homo sapiens nimmt Leben, um zu leben. Gemäss der Tierschutzgesetzgebung ist der Tierhalter unter anderem verpflichtet, Leid vom Tier abzuwenden. Je nach Situation können dies nicht nur körperliche Beschwerden, sondern auch soziale Leiden beinhalten, wie zum Beispiel die dauerhafte Haltung eines einzelnen Tieres, welches normalerweise in sozialen Gruppen lebt. Hier könnte die Konsequenz sein, dieses Tier schmerzfrei zu töten, weil sich keine geeigneten Artgenossen finden, das Tier sich nicht in eine Gruppe integrieren lässt und offensichtlich leidet. Leben um jeden Preis, wie dies von Hardlinern gefordert wird, bedeutet letztendlich auch einen Konflikt in Bezug auf das Recht auf Achtung der Würde und sachlich gesehen mit der Schweizer Tierschutzgesetzgebung, die das schmerz- und angstfreie Töten von Tieren erlaubt, um das nicht behebbare Leiden zu beenden. 

Die Würde des Tieres ist verhandelbar
Die Schweiz ist das einzige Land weltweit, welches in der Bundesverfassung den Rechtsbegriff «Würde der Kreatur» kennt und somit den Begriff der Würde auch für nichtmenschliche Lebewesen anwendet. Artikel 1 im Schweizer Tierschutzgesetz bezeichnet es als seinen Zweck, «die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen». Die Würde werde missachtet, «wenn eine Belastung des Tieres nicht durch überwiegende Interessen gerechtfertigt werden kann». Dies ist ein wichtiger Unterschied zur «Menschenwürde» der Charta der Vereinten Nationen UNO. Die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar, die Würde des Tieres im Tierschutzgesetz jedoch sehr wohl. Dass wir Tieren in unserer Moral keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen sollten, ist allgemeiner Konsens. Wir versuchen uns danach zu richten und urteilen über Tierhalter wie Bauern, Hobbytierhalter und Zoos. Selten bereitet es aber Kopfzerbrechen, ob wir die Haustiere, die wir wie Kinder mit Fell behandeln, in ihrer «Würde» genug respektieren. 

Der Gorilla wird kein Gericht anrufen, um seine Rechte einzuklagen. Sein Schicksal, sein Wohlergehen oder sein Leiden wird immer von menschlichen Entscheiden abhängen, nicht nur im Zoo, sondern ganz besonders auch in der Natur, oder was davon übriggeblieben ist. Grundrechte für Tiere, insbesondere von Affen, bedeuten keine Lösung der Probleme, im Gegenteil. Menschen müssten sich zu Vormündern erklären. Es müssten Menschen gegeneinander Prozesse führen und einige müssten den Anspruch erheben, die wahren Interessenvertreter der Affen zu sein. Der Streit um die Vormundschaft wird zu noch stärkerer Bevormundung der Tiere führen, die in menschlicher Obhut gehalten werden. Angesichts des weltweiten Artensterbens ein abstruses Szenario. 

In der angestossenen Debatte werden in einem ersten Schritt neue Grundrechte für Menschenaffen, teilweise auch für alle Affenarten gefordert. Doch die Absicht ist klar: Alle Tiere sollen Grundrechte bekommen. Wenn ein Gorilla Grundrechte hat, wieso nicht auch ein Pinselohrschwein, eine Amsel, ein Goldfisch, ein Marienkäfer? Wo setzt man die Grenze? Tiere werden für politische, emotionale und ideologische Zwecke instrumentalisiert. 

Allerdings besteht auch kein Zweifel, dass die Anforderungen für eine artgemässe Tierhaltung aller Tiere weiter verbessert werden kann, ja verbessert werden muss. Statt mehr Rechte für Tiere braucht es mehr Pflichten für Menschen. Das Tierschutzgesetz und die dazugehörige Tierschutzverordnung sind die geeigneten Instrumente, um hier bestmögliche Standards zu setzen. Mit Affen kann man nicht verhandeln, schon gar nicht über Rechtsbegriffe. Nur wir Menschen können das. Die Grundlage dazu ist unser Wissen und unser Verantwortungsbewusstsein. Wie wir das Verhältnis zu den Mitgeschöpfen ausleben, ist eine Frage unserer Würde.

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Der Verein zooschweiz ist die Dachorganisation der wissenschaftlich geleiteten Zoos der Schweiz. Alle neun Mitgliederzoos von zooschweiz halten und pflegen die ihnen anvertrauten Tiere auf einem hochstehenden Niveau. Das Bildungsangebot und das Engagement für den Tier-, Arten- und Naturschutz sind vorbildlich. Das eigene Kompetenzzentrum Wildtierhaltung bietet ein fundiertes Team an Fachleuten für sämtliche Fragen und Gutachten rund um eine artgerechte Wildtierhaltung an.

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